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Geschichtliches
1877 Die Erkenntnisse über die Legasthenie und deren Erforschung gehen bis ins vorige Jahrhundert zurück. Kussmaul, Neurologe und betroffener Vater, bezeichnete das Phänomen als „Wortblindheit“.
1916 Ranschburg war der erste Pädagoge, der Schulkinder mit Lese-Rechtschreibschwächen untersuchte. Er sah die Legasthenie allerdings als Hinweis auf einen geistigen Rückstand und die Kinder damit für sonderschulbedürftig.
30er Jahre Man einigte sich auf die Bezeichnung spezifische Dyslexie (dys – fehlerhaft, unvollständig und lexis – Wort, Sprache). Die Isolierung Deutschlands zwischen 1930 und 1945 sorgte dafür, dass andere Einschätzungen der Legasthenie hier zu Lande nicht bekannt wurden.
40er Jahre Der sehr unglücklich gewählte Begriff Minimal Brain Damage prägte diese Zeit. Noch immer galten legasthene Kinder als minderbegabt.
1951 Die Schweizer Psychologin Linder brachte die Diskussion wieder ins Rollen. Um die Behauptung Ranschburgs zu widerlegen, untersuchte sie die Intelligenz von Schülern mit Leseschwächen. Dabei kam sie zu der (für den deutschsprachigen Raum sensationellen) Feststellung, dass Kinder mit Leseschwächen in der Regel durchschnittlich bis überdurchschnittlich intelligent sind. Damit machte sie eine breite Öffentlichkeit auf die Probleme von Legasthenikern aufmerksam und räumte mit dem gängigen Vorurteil auf: Wer nicht Lesen lernt, ist dumm.
Ende 60er Jahre Man spricht von Lernstörung und Teilleistungsschwäche. Mit Schenk-Danziger wurde im deutschen Sprachraum der Begriff Legasthenie (legein – sprechen und astheneia – Schwäche) geprägt. Um 1970 gab es Reihenuntersuchungen durch betriebsfremde Personen, die das Legastheniekonzept hinterfragen. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen unterschieden sich sehr von denen der Praktiker. Es wurde daraus geschlossen, dass Legasthenie milieuabhängig und ein Problem der Unterschicht ist. Die nachgewiesenen Zusammenhänge zwischen dem Milieu und Lese-Rechtschreibschwächen sind plausibel – Ursachen sind sie jedoch nicht!
70 er Jahre Aus den vielen Verunsicherungen entstand in den 70er Jahren eine Anti-Legasthenie-Bewegung, die die Legasthenie als Unfug und Modeerscheinung abtat. Untersuchungen, die in den 60er und 70 er Jahren vor allem in den USA und zu einem geringen Teil auch in den Niederlanden durchgeführt wurden, fanden im deutschen Sprachraum keine Beachtung.
1978 Seit den Empfehlungen der Kultusministerkonferenz von 1978 hat sich in der Mehrzahl der alten Bundesländer die schulrechtliche Lage geändert. Seither sehen schulrechtliche Regelungen überwiegend eine Förderung während der Grundschulzeit vor. Jedoch soll das »zusätzliche Lese- und Rechtschreibtraining« durch den Klassen- oder Deutschlehrer erfolgen, also nicht durch speziell aus- oder fortgebildete Lehrkräfte. Es wurden bereits eingerichteten Sonderklassen oder Förderkurse für legasthene Kinder wieder abgeschafft.
80er Jahre Hinweise auf Ursachen im Gehirn legasthenischer Kinder konnten im vergangenen Jahrhundert bis in die 70er-Jahre nicht nachgewiesen werden. Mit der Entwicklung der neuen bildgebenden Verfahren zur Untersuchung von Hirnleistungen nahm Anfang der 80er Jahre die Erforschung der Legasthenieursachen und der Leistungsunterschiede zwischen legasthenen und gut lesenden Kindern einen bedeutsamen Aufschwung. Man sprach nicht mehr von Legasthenieforschung, sondern von Schriftspracherwerbsforschung.
90er Jahre Forschungen und Methoden zur Prävention von Lese- Rechtschreibschwäche finden immer mehr Anklang. Mit speziell entwickelten Tests und Förderprogrammen werden bereits im Vorschulalter und bei Schulanfängern Trainings durchgeführt, um eine LRS zu vermeiden. 1998 gelang es der amerikanischen Wissenschaftlerin Dr. Sally Shaywitz Legasthenie funktionell bei Hirnmessungen nachzuweisen.
2000 bis heute Wissenschaftler und Therapeuten sind sich bis heute uneinig über die Ursachen der und die Förderung bei Lese- Rechtschreibschwäche. Auch wird noch diskutiert, ob die Begriffe Legasthenie und Lese- Rechtschreibschwäche gleichbedeutend zu verwenden sind oder ob es bedeutsame Unterschiede gibt. In den Erlassen der Kultusministerien wurde Lese- Rechtschreibschwäche durch das Wort Lese- Rechtschreibschwierigkeiten ersetzt, um klarzustellen, dass spezielle Förderung für alle Kinder mit diesem Problem - egal aufgrund welcher Ursachen - notwendig ist.
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